Skitour zur Hochries

Auf den Spuren der Rosenheimer Skipioniere

1892 – 1914 als es auf der Hochries nur ein Fremdenbuchkästchen gab

Wer kann sich vorstellen, wie es vor 50 oder gar 100 Jahren war, als Rosenheimer Bergsteiger auf Skitour zu gehen? Wohl kaum einer - zu unterschiedlich sind die Voraussetzungen in der Ausrüstung, der Infrastruktur und damit auch der persönlichen Mobilität. Heutzutage sind dank PKW-Anfahrt bis in die abgelegensten Täler die Berge der Kitzbühler Alpen als Halbtagstour genauso möglich, wie eine Tagestour im Sellrain. Wer aber versucht, mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu seinen Ausgangspunkten zu kommen, wird zeitlich und räumlich ein wenig umplanen müssen.

Wer in jenen Jahren, im Winter die Hochries ersteigen wollte, der war ein armer Hund. Mangels Verkehrsmittel, Auto gab es nicht, und die Lokalbahn nach Frasdorf wurde erst später eröffnet, mußte er die ganze Strecke Rosenheim – Hochries zu Fuß bewältigen, was laut einem Tourenbericht aus dem Jahr 1910 folgendermaßen vor sich ging:

„Eine gute Laterne ist unerlässlich, da der Abmarsch von Rosenheim tunlichst um 2 Uhr früh erfolgen soll. Hinter der Innbrücke werden die Ski angeschnallt, worauf man die Straße nach Ziegelberg einschlägt, die weiter verfolgt wird bis zu dem Weiler Thansau. Der Weiterweg nach der Ortschaft Geiging kann bei gutem Schnee abgekürzt werden, indem man pfadlos die Rohrdorfer Filze quert, bis auf die Straße trifft, die nach Achenmühle führt, von wo der Aufstieg auf den Samerberg beginnt, der am günstigsten über die Wiesenhänge erfolgt.

Von Grainbach (bis hierher sind es ca. 4 Std. von Rosenheim) geht es südöstlich weiter, anfangs an verstreuten Höfen vorbei, dann durch Wald, bis zur Kräuterwiesen-Alm am Fuße des Riesenberges. Dieser wird zunächst scharf östlich, später nach Süden gewendet umgangen, bis man bei der sogenannten Holzer- Stube den Taleinschnitt zwischen Riesenberg und Laubenstein erreicht. Nun bequem auf dem Almweg weiter, der auf das flache Plateau mit den Riesen-Almen führt. Ist dieses überquert, dann weist ein breiter, teilweise bewaldeter Rücken den Aufstieg zum Gipfel der Hochriß, welcher 8 – 9 Stunden nach dem Abmarsch von Rosenheim erreicht ist und den Skitouristen mit einer Aussicht belohnt, die als märchenhaft zu bezeichnen, keine Übertreibung ist.

Die schroffen Felsabstürze des Wilden Kaisers ganz nah vor Augen, reiht sich links und rechts davon am Horizonte Gipfel an Gipfel, die die berühmtesten Namen der österreichischen Alpen tragen. Nicht minder imposant ist auf der anderen Seite der Tiefblick in die schier endlos sich dehnende Ebene, mittendrin die Dächer der Heimatstadt, durch die sich gut erkennbar Vater Inn schlängelt, dessen Verlauf sich dem mit einem guten Glas bewaffneten Auge schon von Kufstein aus erkennen lässt. Nur ungern nimmt man Abschied von dieser grandiosen Schau, um sich der Abfahrt zuzuwenden. Sie bietet dem geübten Skitouristen keine besondere Schwierigkeit und folgt im Großen und Ganzen der Aufstiegsspur. Vorausgesetzt, man hat sich nicht zu lange dem Gipfelgenuss hingegeben, erreicht man noch vor Einbruch der Nacht den Ausgangspunkt Rosenheim, wo man nach einem stärkenden Abendmahle, von der liebenden Gattin serviert, müde und noch ganz von dem Erlebnis erfüllt, in das Bett sinkt“

Gut und gerne 15 Stunden beanspruchte also in der damaligen Zeit eine Skitour von Rosenheim zur Hochries. Wer will es da den Skifahrern verdenken, daß sie sich einen alpinen Stützpunkt im Hochriesgebiet wünschten, in dem man auch nächtigen oder sich zumindest eine warme Suppe bereiten konnte?

1914 wurde die erste Hochries-Gipfelhütte eröffnet.

Folglich war es eine deutliche Erleichterung, als man sich die lange Tour auf zwei Tage aufteilen konnte indem man die Übernachtungsmöglichkeit der 1914 eröffneten Hochrieshütte der Alpenvereinsektion Rosenheim in Anspruch nahm. Ausserdem war ab dem Jahr 1914 (bis 1970) Frasdorf von Rosenheim mit der Bahn erreichbar und damit ein idealer Ausgangspunkt für den Anstieg auf die Hochries..

Wintersportplatz Frasdorf - auf gehts zur Hochries

Im Winter entwickelte sich ein regelrechter Massentourismus mit teilweise mehreren tausend Skifahrern, die pro Wochenende mit dem Zug anreisten und hier ihrem Sport nachgingen. Die Skihütte auf der Hochries wurde daher bald zu klein und wurde bis heute mehrmals erweitert.

Tiefverschneite Hochrieshütte um 1935

Von Frasdorf auf die Hochries

Bis heute gehört der Aufstieg von Frasdorf ins Hochriesgebiet zu den beliebtesten Skitouren der Rosenheimer Tourengeher. Auch wenn heutzutage meist etwa 20 Minuten oberhalb vom Ort am Parkplatz der Lederstube (665 m) gestartet wird, bietet sich diese Tour auch mit öffentlichen Verkehrsmitteln an, da eine RVO-Buslinie von Rosenheim mehrmals am Tag nach Frasdorf fährt. Der Aufstieg: Vom ehemaligen Bahnhof in Frasdorf führt der Weg zuerst auf der Fahrstraße nach Süden vorbei am Landgasthof Karner (früher Gasthaus Niederauer ein beliebter Skifahrer Treffpunkt nach der Tour) zur Lederstube. Kurz oberhalb befindet sich der große, gebührenpflichtige Wander- und Tourengeherparkplatz.

Nun zweigt links ein Fahrweg ab, der durch das Tal der Ebnater Achen hinaufführt bis zum Zellerbauern (830 m). Unmittelbar vor dem Bergbauernhof steigt man rechts vom Zaun auf und wendet sich dann nach rechts in den Wald, wo man entlang des Wanderwegs die kleine Kapelle bei der Schmiedalm erreicht. Über die freien Schmiedhänge gehts hinauf zum Wegkreuz (Firmkreuz). Hier quert man nach links in den Wald und folgt dem Sommerweg durchs sog. Paradies hinauf zur breiten Fahrstrasse.

Tiere unserer Heimat - der Esel vom Paradies

Knapp links von dieser zieht man flach aufwärts in eine Mulde und kommt so zur Verzweigung am großen „Taferlbaum“. Während links die Route über Kohlgrub, Eiskeller und zum Aberg abzweigt, führt die Hochriesroute geradeaus und erreicht rechts haltend über eine kurze steilere Stufe (sog. Stockhang) das große Plateau mit Riesenhütte 1346 m (DAV Sektion Oberland) und Riesenalmen.

Übers Riesenalm-Plateau auf die Hochries zu

Am westlichen Ende der Hochfläche setzt der Nordostgrat der Hochries an, über den man in mässiger Steilheit vorbei an der Bergstation der Hochriesbahn, unsere Hochrieshütte am Gipfel erreicht. Sie steht auf 1569 m am höchsten Punkt der Hochries und ist Eigentum der Sektion Rosenheim des Deutschen Alpenvereins.

Hochrieshütte

Hochries-Gipfelkreuz im Winter

Übergang zum Predigtstuhl

Nach der Stärkung in der gemütlichen Hütte bei den Wirtsleuten Monika und Heinz schwingen wir über den Nordostgrat hinab und halten uns noch vor Erreichen des Plateaus eher rechts, um vor dem Spielberg rechts hinab durch den Märchenwald zur Holzerhütte zu gelangen. Nun geht es wieder mit Fellen durch kuppiertes Gelände nach Süden aufwärts zur Grozachhütte (1346 m) (Rettungsstützpunkt der Rosenheimer Bergwacht) und über den breiten Nordrücken hinauf zum Predigtstuhl (1494 m). Von hier locken - je nach Schnee- und Lawinenlage - mehrere Abfahrten. Man kann entweder über den Aufstiegsweg wieder hinab zur Abergalm fahren oder etwas weiter links durch lichten Wald über die so genannte Nikolai. Wenn man dem Verbindungsgrat nach Süden zum Klausenberg folgt zweigt am ersten Flachstück nach Norden die Große Nikolai-Abfahrt ab und direkt vom Klausenberg führen mehrere Abfahrtsvarianten nach Norden über die so genannte „Klausen-Nord“ zur Oberwiesen oder Unterwiesenalm hinab.

Der legendäre Hochries-Powder

Aufstieg von der Oberwiesenalm in Richtung Abereck

Allen Abfahrtsvarianten gleich ist der nachfolgende Rückweg über die Abergalm und anschließenden Aufstieg zum „Abereck“ (auch Aberg, bzw. Abergeck 1461 m). Diese sanfte Wald- und Wiesenkuppe hoch über dem Priental ist der finale Schlusspunkt unserer Hochriestour und bietet noch mal einen letzten Blick zur Kampenwand und hinab auf den Chiemgau und den Chiemsee.

Blick vom Abereck zum Chiemsee

Über den breiten Nordostrücken (sog. Stopselzieher) fahren wir nun ab zur Laubensteinalm. Kurz vor den Almen halten wir uns links und queren oberhalb des Eiskellers zum Grub-Gatterl. Kurze Lichtungen und eine enge Waldpassage (Kohlgrub) bringen uns nun wieder zurück zum Taferlbaum, von wo ab uns die Aufstiegroute übers Paradies zu den Schmiedhängen leitet. Vor der Schmiedkapelle zweigt man jetzt rechts ab und fährt noch vor dem Zellerbauern hinab über den Bach zur Fahrstrasse.

Wer die klassische Hochriesrunde vervollständigen will der steigt noch mal 20 Minuten auf zum Sagberg und schwingt über dessen sanfte Wiesenhänge zurück zum Ausgangspunkt oder fährt auf der Forststraße, den vielen Spaziergängern und Rodlern ausweichend zum Parkplatz an der Lederstube und ist kurz darauf zurück in Frasdorf, wo hoffentlich der letzte Bus noch nicht abgefahren ist.

Ausgangspunkt: Frasdorf, Wanderparkplatz Lederstube 665 m
Aufstieg: Lederstube – Zellerbauer ½ Stunde - Taferlbaum 40 Minuten - Riesenhütte 40 Minuten - Hochrieshütte 40 Minuten (gesamt ca. 2,5 h)
Übergang: Hochrieshütte – Holzerhütte ¼ Stunde, Anstieg zur Grozach 20 Minuten – Anstieg zum Predigtstuhl 20 Minuten – Abfahrt zur Grozach 5 Minuten Aufstieg zum Abereck 20 Minuten (gesamt ca. 1,5 bis 2 h)
Abfahrt: bis Zellerbauer ¼ Stunde, Abfahrt bis Parkplatz 5 Minuten oder Aufstieg Sagberg 20 Minuten Abfahrt bis Parkplatz 5 Minuten.
Beste Zeit: Hochwinter bis März/April je nach Schneelage

Text: Markus Stadler

Fotos: Markus Stadler, Dieter Vögele, Heinz, Meyrl, Archiv DAV-Sektion Rosenheim